Wir fühlen zu wenig

Ein so universelles und schwer kurz zu fassendes Thema in einen einzelnen Blogpost zu stecken, ist ein schier unmögliches Unterfangen. Nun, in der Schule war ich immer derjenige, der zu wenig bei Arbeiten schrieb - ich fasste mich immer gerne kurz. Vielleicht hilft es ja auch hier.


Was haben die AfD, der Hass auf “faule” Arbeitslose, die Boulevard-Presse und der Mörder von Herne gemeinsam? Sie sind allesamt Täter, Mittäter, Opfer oder Leidtragende in dem Verbrechen das sich Entmenschlichung nennt.


Es mag etwas hart sein, es Verbrechen zu nennen - aber wenn man Menschen in Zahlen umwandelt, sei es, ob man Personalchef, Arbeitsminister, Supermarktinhaber oder Statistiker bei der Polizei ist, dann findet automatisch eine Entmenschlichung statt. Deswegen ist auch die Geschichte eines aus dem Fenster geworfenen Babys deutlich bedrückender als der Tod von Tausenden irgendwo weit von uns entfernt.


Zum einen ist es ein natürliches Verhalten - wir sind automatisch den Menschen stärker verbunden, denen wir uns physisch oder psychisch näher fühlen. Sei es durch Familienbande oder durch Nachbarschaft, Nähe erzeugt Zusammenhalt. Das ist darin begründet, dass der Mensch nun mal ein Rudeltier ist, und die Stärke durch den Zusammenhalt der Gruppe entsteht und die Verteidigungskräfte der Gemeinschaft erhöht.


Darum ist man deutlich schwerer betroffen, wenn ein Familiendrama im eigenen Ort, Land, oder Kontinent geschieht, als wenn in Afrika Mord und Totschlag stattfindet. Je suis Charlie? Je suis alles Mögliche? Klar, gerne, aber Solidarität mit Brasilianern, da wird es vielleicht schon schwieriger, nicht wahr?


Hier versagt dieser Urinstinkt. Wir sind nicht mehr “wir gegen die”. Es ist kein Kampf ums Überleben einer kleinen Gruppe. Heutzutage wissen wir - oder sollten es wissen: Es ist nur noch “Wir - oder nicht mehr wir”. Wenn wir uns nicht zusammenraffen und diese kleine blaue Kugel, auf der wir hausen, reparieren, wird sie uns (vermutlich nahezu) alle vernichten. Und nur wir allein haben das Ergebnis zu tragen.


Die Verbindung zu meinen Beispielen war klar, oder? Die AfD und alle Nationalisten appellieren an diesen “wir gegen die” Instinkt, fördert Spaltung statt Vereinigung und Teamgedanken. Die Hartz-4-Empfänger werden von der Presse über einen Kamm geschert, in einen Topf geworfen, auf den man prima eindreschen kann - “wir gegen die”, eben. Und der Mörder befand sich in einer “ich gegen alle” Situation, die nur noch zu einer Eskalation auswachsen konnte.


Darum sage ich: Wir fühlen zu wenig. Es mag klischeehaft klingen, aber es muss etwas über dieser alltäglichen Jagd nach Geld und Ruhm stehen. Wie wäre es mit Einsicht? Nicht jeder kann reich sein. Aber niemand muss arm sein. Wir müssen das mit Herz regeln, nicht mit Zahlen. Kriegt die Scheiße endlich auf die Reihe. Sonst wird die Natur das für uns erledigen.


Noch haben wir die Wahl.

© Christian Wüst 2017