Der entwertete Geburtstag

Das Internet und die ganze Technik verändert nicht nur ein bisschen unser Leben, sondern wirkt sich auch auf Bereiche aus, von denen ich es nicht für möglich gehalten hatte. Es sind die tiefergehenden Auswirkungen, die sich erst mit der eigentlichen Umsetzung von Technologien zeigen.


Zum Beispiel eben der Geburtstag. Früher hat man sich darüber gefreut, Geburtstagsgrüße zu erhalten - weil das bedeutet hat, dass dieser Mensch deinen Geburtstag in seinem Kalender oder Notizbuch eingetragen hatte. Dieser Platz war wertvoll, denn er war knapp. Dieser Mensch hätte auch etwas anderes Wichtiges in den Kalender eintragen können, hat sich aber für deinen Geburtstag entschieden. Außerdem ist die Eintragung eine Handlung, die zuerst stattfinden muss. Sie sagt aus: Ich will mich an den Geburtstag dieses Menschen erinnern, denn er ist mich wichtig.


Heutzutage ist mir aufgefallen, wie diese Dinge in den Hintergrund rücken. Sie sind keinesfalls weg, aber wenn jemand brav einen Kalender im Handy füttert mit allerlei Daten, dann stehen auch die Geburtstage drin, und manchmal sind da Menschen, die man irgendwann mal beiläufig eingefügt hatte wegen irgendwas, und nun steht der Geburtstag auch im Kalender, ob es wichtig ist oder nicht.


Facebook macht das Problem nur noch schlimmer. In den Aktivitäten und Ereignissen bekommt man den Geburtstag JEDER Person um die Ohren geschlagen, man soll grüßen und dran denken oder was auch immer, egal wie man zu der Person in FB steht oder vernetzt ist. Ich habe hauptsächlich politisch bedingt viele Leute in FB hinzugefügt, und immer wird mir ein Wiegenfest unter die Nase gerieben, ungeachtet dessen, wie wichtig diese Person mir wirklich ist und wie gut ich sie kenne.


Es erzeugt einen gewissen Stress. Einen Druck, immer überall und allen grüßen und alles Gute zu wünschen, ein Phantomschmerz zu einem Bedürfnis, das vorher nie existiert hatte - und die Menschen fallen drauf rein. Neulich wurde mir zum Teil sogar von Leuten gratuliert, von denen ich nie gehört hatte bzw. nie getroffen habe oder auch nur eine Nachricht ausgetauscht hätte. Aber sie gratulieren brav, obwohl…


…es sich für mich irgendwie leer anfühlt. Ich lese deine Botschaft, aber was fühle ich dabei? Was hast du gefühlt, als du es geschrieben hast? Ich weiß es ganz sicher nicht, und da ich dich nicht kenne, kann ich es nicht mal erahnen.


Das ist das Problem. Es fühlt sich alles so unpersönlich an, obwohl wir so stark vernetzt sind wie nie zuvor. Nicht die Zahl deiner Social-Media-Friends oder die Menge an Geburtstagsglückwünschen erfüllt dich, sondern die paar Nachrichten und Grüße von den Menschen, die dir so viel mehr bedeuten.


Nicht nur aus diesem Grund - und jetzt seid mir nicht sauer - habe ich bei Facebook gelogen und ein falsches Geburtsdatum eingetragen. Nicht nur erhöht es deine Datensicherheit, sondern du weißt auch, wer dich wirklich kennt, und dir am richtigen Datum gratuliert ;-)

© Christian Wüst 2017